Brief an F. – Februar 2018

Februar 2018

Lieber F.,

herzlichen Dank für Ihren anregenden Brief vom 4.Februar 2018. Enthält dieser etwa nicht die Erlaubnis, mich in Ihr Leben einzumischen?

Ihre Klage über den Lauf der Welt endet mit der bangen Frage, ob „die möglichst weite Abwendung von der Welt (nicht der Erde)…nicht die einzige L ö s u n g – in des Wortes doppelter Bedeutung“ sei?

Und Sie schreiben auch

Fast glaube ich nicht einmal mehr, dass w i r denken, sondern, dass w i r g e d a c h t w e r d e n , der Gedanke uns findet, bzw. bei uns anklopft und wir dieses Klopfen wahrzunehmen im Stande sind, wir also etwas G e f ü h l t e m , G e a h n t e m entspringen: Ein Geschenk, keine Leistung…“

Das geht tief – aber in die Irre auch.

Der Irrtum zeigt sich daran, dass eine Voraussetzung gemacht, diese aber sogleich wieder vergessen wird.

Gedacht werden“ – Ein Passivum. Wir erleiden etwas von einem anderen.

Das Erlittene taucht im Folgesatz in uns selbst auf: Als schon Gefühltes, Geahntes. Als Gefühltes und Geahntes gehört es uns an und kommt nicht von einem anderen. Des Rätsels Lösung liegt in der Auflösung dieses Widerspruchs durch Weiterdenken des schon Gesagten.

Das Anklopfen bringt in das Bewusstsein nichts hinein, sondern bringt lediglich zum Schwingen, was in ihm schon vorhanden ist.

Erst das Erleben des Übergangs vom Geahnten zum Bewussten versetzt uns in Gewissheit von einem Anderen, das wir aber selbst sind. Das Andere bleibt bei uns – im Diesseits.

Um zu verstehen, nehmen wir uns einen immergrünen Baum vor. Wir finden an ihm unendlich viele Blätter, die sich alle ähneln, ein jedes aber von einzigartiger Beschaffenheit ist (denken Sie an den Spaziergang von Leibniz mit den Hofdamen).

Es wäre kein einziges Blatt ohne den Zweig, den Ast, den Stamm und die Wurzel. Ein einziges Lebewesen. Wurzel und Stamm gehören auf gleiche Weise allen Blättern an.

Wurzel und Stamm klopfen an, die Blätter vernehmen es. Was in den Blättern vernommen wird, gehört jetzt auch der Wurzel und dem Stamm.

Vor dem Vernehmen des Klopfens, war die Information nur erst (reale) Möglichkeit des Wissens. Die Wahrnehmung bringt es in Wirklichkeit. Höchste Form des Wissens ist die reine Vernunft (Philosophie). Die Philosophie bestimmt die Vorstellungen und diese das Handeln. So greift die Vernunft in die Weltgeschichte ein, das heißt in der Weltgeschichte geht es vernünftig zu (Hegel).

Was Stamm und Wurzel als Gefühltes bzw. Geahntes schon eignete, gehört (!) ihm jetzt in höherer Gestalt, nämlich als Wissen in der Modalität der Seinsgewissheit. Gewissheit ist die freiere Gestalt des Geistes. Die Ahnung ist der Trieb, Gewissheit zu werden. Freiheitstrieb. Erst im Wissen, das Gewissheit ist, verliert der Gegenstand des Bewusstseins die Bestimmtheit ein FREMDER zu sein. Das Bewusstsein erfährt, dass das was es bestimmt, es selbst ist (Begriff der Freiheit).

Wenn Sie es noch nicht gemerkt haben: Das Vorstehende ist die Darstellung Gottes in reinen Gedanken. Diese Gestalt des Absoluten ist das eigentümliche der deutschen, idealistischen Philosophie, die Hegel vollendet hat.

Gefühl, Ahnung, Wissen, Gewissheit sind unterschiedene Gestalten ein und desselben: Geist. Dieser ist Leben, also Bewegung, die in den unterschiedenen Gestalten als Entwicklung erscheint. Die Unterschiede sind nicht zufällig, sondern notwendige Stadien einer Einsheit.

Sie datieren Ihren Brief mit dem „4. Hornung 2018“ – und verraten damit viel. Ihnen ist die Weltgeschichte nicht vernünftige Entwicklung. Die Christianisierung der Welt ist für Sie nur ein Irrweg, den Sie mit einer Rückwendung zum vorchristlichen Germanentum ungeschehen machen wollen. Wie soll das gehen? Passt das Huhn in das Ei aus dem es geschlüpft ist?

Nietzsche stellte die tiefsinnige Frage: „Wozu Mensch überhaupt?“ Haben Sie eine Antwort auf diese Frage? Nietzsche wusste keine.

Hegel hatte die schon als unmöglich erwiesen, bevor sie gestellt wurde. Mensch ist (Bild) Erscheinung Gottes und damit Selbstzweck, Trieb, zu werden was er ist und nicht ein Mittel für einen außer ihm liegenden Grund.

Die deutsche idealistische Philosophie beginnt mit der Einsicht des Schusters aus Görlitz, Jakob Boehmes (Anfang des 17. Jahrhunderts), dass das Böse nicht ein selbstständig Bestehendes (kein zweiter Gott) ist, sondern ein notwendiges Moment im Leben Gottes selbst.

Weil Ihnen diese Erkenntnis noch nicht zu Teil geworden ist, lassen Sie sich in fernöstlicher Tradition durch das Böse aus der Welt vertreiben. Könnte es sein, dass Schopenhauer Ihren Geist verdunkelt hat? Obwohl die Konsequenz seiner Lehre der Selbstmord ist, war er so sehr auf die Erhaltung seines Lebens bedacht, dass er seine Wohnung stets im Erdgeschoß nahm, um im Falle einer Feuersbrunst schnell genug die Flucht ergreifen zu können.

Sein Satz vom Grund alles Seins ist in der Tat hegelisch. Bei Goethe scheint er auf im „Kurus Mystikus“: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis…“ In der Bibel finden wir ihn bei Johannes:

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen.“ (Johannes 1, 1-4)

Ist das Böse im Leben des Geistes die notwendige Reflektionsfläche von der dieser sich selbst zu sich abstößt in der Erkenntnis: „Das bin nicht ICH und will so nicht sein.“ Dann ist das Leben des Geistes als Kampf gegen das Böse gesetzt durch den er zu sich kommt.

Was also ist Wehklagen über die Schlechtigkeit der Welt, was ist Grunderfordernis für siegreichen Kampf? Wohl das sorgfältige Studieren des Feindes, seiner Stärken und Schwächen, seiner Mittel und Waffen.

Das Wichtigste aber ist, das Wesen des Feindes sowie das Wesen des Eigenen, die Prinzipien der „kämpfenden Reiche“ in ihrem Verhältnis zueinander zu w i s s e n .

Dieses Wissen – und nur dieses Wissen ist die Macht über unseren Feind. In meiner Schrift „Was tun?“ sind die Mittel und Wege zum Erfolg aufgezeigt. J e d e r ist autonomer Krieger dieses Kampfes wenn er nur will.

Und auch noch das: Wahrheit, weil göttlich, soll für uns Menschen unerreichbar sein. Das wenigstens ist in Ihren Augen eine Wahrheit; also ist sie doch erreichbar?

Vielleicht hilft es weiter, wenn man die Bedeutung des Wortes „Wahrheit“ kommuniziert, bevor man von Wahrheit spricht.

Wahrheit ist der absolute Gegenstand des Wissens, dass man nach gründlicher Reinigung des Denkens von Meinungen im Denken nicht mehr bezweifeln kann. Der erste nicht mehr bezweifelbare Satz ist der, des René Descartes: „Cogito ergo sum.“ Der Satz, dass die Wahrheit –weil göttlich- für Menschen nicht erreichbar sei, setzt die Trennung von Gott und Mensch voraus; steht somit für das jüdische Prinzip. Dieses ist in der deutschen Philosophie aufgehoben.

Das sei es für heute.

Herzliche Grüße, Horst Mahler







Autor: endederluege

Hier stehe ich, Henry Hafenmayer, ehemaliger deutscher Lokführer. Ich kann dem Völkermord an meinem Volk nicht mehr tatenlos zusehen. Ich tue meine Pflicht. Ich tue was ich kann.

Ein Gedanke zu „Brief an F. – Februar 2018“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s