2017/11/15 Ausschnitte

Horst Mahler
Anton-Saefkow-Allee 22
14772 Brandenburg

Ausschnitte aus einem Brief an F. vom 15. November 2017

Und jetzt zu Deiner Frage:

Kein Mensch ist autonom. Er ist immer auch das, was in ihn als „seine” Welt hineinscheint. In diesem Scheinen wirken – ohne Möglichkeit sie zu trennen – zwei Welten auf Dich. Beide beanspruchen Deine ganze Seele.

Ausgangspunkt ist immer die Sicht auf die Welt, die man in jungen Jahren in sich eingelassen hat – arglos und schutzlos gegen Täuschungen. Arglosigkeit und Schutzlosigkeit sind eigentlich negativ zu bewerten. Gleichwohl sind es notwendige Geisteshaltungen. Sie ermöglichen die Formung des Menschen. Formbarkeit ist das Wesen des Kindesalters.

Zweck der Formbarkeit im Geistigen ist die Fähigkeit im gesellschaftlichen Leben „mitzuschwimmen”. Du hast sicherlich schon Vogelschwärme, bestehend aus Tausenden von Vogelindividuen gesehen, die im Flug auf wundersame Weise ohne die geringste Trägheit kompakte Wolken bilden. Es ist ein Gleichnis des Geistes, des (Vernunft) logischen EINS, das zugleich viele EINS ist.

Wir Menschen sind in diesem Sinne auch ein Schwarm. Diesen nennen wir „Volk”.

Weil wir nicht – wie die Vögel – Tiere, sondern Geist sind, wird das Volk nicht durch instinktive Abläufe „zusammengehalten”, sondern durch Geist (Bewußtsein und Willen). Der Zusammenhalt als Volk ist bedingt durch einen „Kernkonsens”. Aus der Mengenlehre sind Dir die Kreise bekannt, die in bestimmter Konstellation einen allen Kreisen gemeinsamen Flächenanteil haben, den wir „Schnittmenge” nennen. Diese kann größer oder kleiner sein.

Im Geistigen ist das, was wir „Schnittmengen” nennen, die „Substanz” des Volkes, indem das Volk sein Bestehen hat. Die Schnittmenge ist allen zum Komplex gehörenden Kreisen gemeinsam, ist deren „Seele”.

Der Zweck der Bildung und Erziehung ist die Herstellung der latenten Übereinstimmung der Individuen in jener geistigen Schnittmenge die man „Kernkonsens” nennt, ohne die ein Volk nicht existiert. Normalerweise ist uns diese Substanz nicht bewußt (ist latent). Sie ist jederzeit abrufbar durch existenzielle Umstände, die als Reiz wirken und eine Antwort erfordern, die „zielführend” nur aus dem Fundus des Kernkonsenses gegeben werden kann.

Der Kernkonsens ist wie eine Schwimmblase. Diese macht schwimmfähig. Das Individuum wird dadurch zum „Mitschwimmer” im Meinungskorridor des Kernkonsenses der Gesellschaft.

Da der Konsens für das Volk lebenswichtig ist, wird der als „Ketzer” oder „Dissident” verfolgt, der sich bewußt gegen den Kernkonsens stellt.

Die Normalität ist ein „Einweltbewußtsein. Nur diese eine Welt hat Wahrheit für den Einzelnen – so lange, bis dieses Individuum ein „drittes Auge” bekommt und plötzlich erkennt, daß ein und dieselbe Welt in sich unterschieden ist. Mit dieser Einsicht fällt dieses Individuum aus dem Kernkonsens der „Einweltler” heraus – und es gibt dagegen kein Gegenmittel. Er ist dadurch Dissident. Sobald sein Umfeld dies wahrnimmt, setzt Verfolgung ein. Warum?

Die „Einweltler” wähnen sich im Besitze der Wahrheit. Diese Gewissheit wird erschüttert durch die Wahrnehmung, daß ein menschliches Wesen eine ganz andere Welt für die Wahrheit hält. Es kommt die Frage auf: „Wer hat denn nun Recht?” Allein mit dieser Frage ist die Gewissheit dahin. Eine Katastrophe.

Breitet sich dissidentes Bewußtsein innerhalb eines Volkes oder im Verhältnis eines Volkes zu einem anderen Volk aus, kommt es unweigerlich zum Glaubenskrieg, dem schrecklichsten aller Kriege. In diesem Sinne war der Zweite Weltkrieg ein Glaubenskrieg.

Die Gewalttat der Sieger gegen das Deutsche Reich war die manipulative Erzwingung des „Einweltbewußtseins” in der Gestalt des Glaubens an die „westliche Wertegemeinschaft”, an „Demokratie” und „Menschenrechte”.

Was ist nun das Problem?

Jeder Mensch braucht für seine seelische Gesundheit Anerkennung von seinem sozialen Umfeld. Diese Anerkennung bleibt aber dem versagt, der nicht „mitschwimmt”.

Einerseits war ich glücklich darüber, daß Du nicht „mitschwimmst”; andererseits war mir bange, was aus Dir ohne die lebensnotwendige Anerkennung werden würde.

Ich bin diesen Gefahren der Dissidenz glücklicherweise entkommen dadurch, daß ich schon eine Menge Anerkennung im Marschgepäck hatte, bevor die Dissidenz an mir wahrgenommen wurde. Aber auch das allein hätte nicht ausgereicht. Meine Dissidenz-Erfahrung wurde abgefedert durch den Umstand, daß damals eine dissidente Bewegung machtvoll in Erscheinung trat, in der ich Anerkennung geradezu im Übermaß empfing. Die Energien dieser „Szene” sind heutzutage im zeitgeistlichen „Mainstream” gelandet und bilden dort den stärksten Rückhalt für die Gedankenpolizei (political correctness), mit der wir es mit unserer Strickart zu tun haben.

Die „rechte Szene” ist so sehr „außen vor”, daß sie keinerlei Anerkennungspotenzial auf die Waage bringt. Sie ist geisttot.

Was nun?

Ein gewisser Prof. Mausfeld tourt durch die Republik und hält Vorträge, mit denen er die mentale Zwangsgewalt des Kernkonsenses darstellt, allerdings ohne Bewußtsein vom Wesen dieser Erscheinung zu haben. Es ist schwer, vielleicht sogar unmöglich, dieser Zwangsgewalt zu widerstehen; wenn man nicht ein wirksames Gegenmittel zur Hand hat.

Was wäre das?

Der Kernkonsens wirkt wie ein Magnet auf frei schwebende Eisenpartikel; – aber nur solange, wie diese selbst noch nicht magnetisiert sind.

Der Kernkonsens fischt im Becken der Meinungen, die in sich nicht durch Denken gerechtfertigt, sondern nur als Vorurteil aus der allgemeinen Meinung übernommen worden sind. Wenn man diese Meinungen (Vorurteile) nicht mehr mitvollziehen kann, fällt man in Unsicherheit, man kann/will nicht mehr „mitreden”. Man vereinsamt. Im Umgang mit den „Mitschwimmern” wird man immer öfter aggressiv. Im Handumdrehen gerät man in den Sog einer Abwärtsspirale.

Das Gegenmittel?

Man muss sich aus dem Sumpf der Meinungen – wie der Baron Münchhausen am eigenen Zopf – herausziehen und Wissen als festen Boden unter die Füße bekommen.

Zuerst muss man den Unterschied zwischen Meinung und Wissen kennen.

Über Meinungen kann man ewig streiten, über Wissen nicht mehr.

Wissen bedeutet hier die durch Denken im Reinen, das heißt losgelöst von allen Vorstellungen und Wahrnehmungen äußerlicher Erscheinungen vor sich gehenden Denken gewonnene Überzeugung, daß der jeweilige  Gegenstand des Denkens nur so und nicht anders gedacht werden kann. Dann  ist er auch Sog.

Nun ist kein Mensch in der Lage, allein aus sich diesen Weg zu finden. Vielmehr ist dieses Denken die Errungenschaft der Menschheit, gewonnen aus den Kämpfen aller bisherigen Geschichte. (Lies dazu nochmal in Hegels „Phänomenologie des Geistes” S. 32-35, Absätze 1 und 2)

Dieses Erbe ist niedergelegt in den Denkmälern des Geistes. Es kommt darauf an, unter ihnen diejenigen zu finden, in denen sich die höchste Gestalt der bisherigen Entwicklung zeigt. Hier kommt einzig und allein das von Hegel zum klaren Gedanken herausgedachte System des Wissens in Betracht.

Das Studium dieses Systems ist die absolute Therapie, die das Leiden an der Wirklichkeit umkehrt zu tatbereiter Hinwendung zu eben dieser. Diese schreckt dann nicht mehr.

Das Bedürfnis nach Anerkennung wird befriedigt in dem „Aha-Erlebnis”, das sich zuerst ganz vereinzelt, bald aber immer dichter immer dann einstellt, wenn man einen Gedanken Hegels begriffen hat.

Früchte bringt das Studium insbesondere dann, wenn man es  breit angeht, das heißt wenn man zunächst die Vorworte und Einleitungen sämtlicher Bände liest und dabei gewärtigt, daß man nichts versteht. Oberstes Gebot ist hier: „Weiterlesen!”.  Sich nicht in unverständlichen Text verbeißen. Äußerst hilfreich ist es, parallel dazu im Registerband zu den dort herausgehobenen Schlagworten die kurzen Erläuterungen zu lesen.

Das Begreifen dieser Wissenschaft vermittelt schwer zu beschreibende Glücksgefühle, die viel mehr bedeuten als die Anerkennung von „Mitschwimmern”.

Hat man erst einmal „Feuer gefangen”, wird man Hegel ein ganzes Leben lang – immer und immer wieder dasselbe – lesen und stets Neues entdecken.

Hegel-Lektüre ist zum ersten Male in der Menschheitsgeschichte  wahrhafter Gottesdienst, wie ihn Jesus im Johannes-Evangelium fordert:

„Es kommt die Zeit und ist schon jetzt, daß die wahrhaftigen Anbeter werden den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit; denn der Vater will haben, die ihn all so anbeten.

Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten „(Joh. 4, 23,24)

Diese wahrhafte Anbetung findest du in Hegels „Phänomenologie des Geistes”. Im Verlaufe des Studiums derselben wird Dir die Bedeutung des Jesuswortes aufgehen: „Und die ihn anbeten müssen ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten”.

Jesus macht hier einen Unterschied zwischen Geist und Wahrheit. Das zu verstehen ist von allergrößter Wichtigkeit.

Wahrheit (Gott/der Begriff) ist an sich sein (die Eichel mit dem Trieb Eichelbaum zu werden), das sich als Selbstbewußtsein hervorbringt (setzt), in dem Gott sich reflektiert (spiegelt) und dadurch – in und bei sich bleibend – erfährt,  was  er ist und was er nicht sein will. Diese Reflexion in sich ist die ganze Weltgeschichte, in der sich Gott nur durch die Gegenwärtigkeit seines Kontrastbildes des Bösen, erkennen kann (Jakob Böhme). Die Realität des Bösen ist ein notwendiges Moment (= Bestimmungsmacht) Gottes selbst und kein Gegengott.

Das Selbstbewußtsein ist der Parabol-Spiegel in dem alle Eindrücke aus der von Menschen wahrgenommenen Welt sich im Brennpunkt versammeln und zur Erkenntnis sublimieren. Die Menschheit als Ganze ist das Selbstbewußtsein Gottes und damit das Organ seiner Selbstwahrnehmung. Das Leiden der Menschen sind die Wehen der Geburt Gottes (der Wahrheit) zu  Wissen.

Alle Religion und Philosophie vor Hegel hatte zugrundelegend das Jahwe-Wesen, das heißt die Trennung von Gott und Mensch, damit die Denkmöglichkeit des Atheismus/Materialismus.

Der Mensch hatte keinen Anteil am Leben Gottes, war also „überflüssig wie ein Kropf” weil Gott als vollkommen vorgestellt war. Wozu also Mensch überhaupt? Der Mensch wäre ohne Rechtfertigung aus dem Wesen Gottes sündenanfällig erschaffen worden. Gott würde die Menschen zu seinem Vergnügen quälen. Pfaffen sind Gotteslästerer!

Hegel integriert die Existenz des Menschen in das Wesen Gottes (Nietzsches Gottestod ist nur Jahwes Tod!), indem er die Wurzel der Nichtbezweifelbarkeit im ICH wie es Descartes im Satz „Ich denke also bin ich” gefasst hat, erkennt. Aus dieser Wurzel wächst bei ihm Gott als Wahrheit, die nicht mehr bezweifelt werden kann.

Das ist die wahrhafte Weihnachtsgeschichte. Hegel ist also nicht ein Philosoph unter vielen, sondern Religionsstifter in einer Reihe mit Moses, Jesus, Buddha und Mohammed. Das Element der Gottesgegenwart ist aber nicht mehr der Glaube, sondern die absolute Wissenschaft = Wissenschaft des Absoluten.

Ich bin sicher, daß Hegel sich auch so erfasst hatte, dieses Wissen aber nicht ausgesprochen hat und das aus gutem Grund.

Du wirst die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird Dich frei machen.

Ende

Autor: endederluege

Hier stehe ich, Henry Hafenmayer, ehemaliger deutscher Lokführer. Ich kann dem Völkermord an meinem Volk nicht mehr tatenlos zusehen. Ich tue meine Pflicht. Ich tue was ich kann.

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