Fortsetzung der Antwort an einen Theologen

[Fortsetzung der Antwort auf diesen Beitrag]

 

Sie:

Ein ‚Gott’, der am Menschen endet, ist ein Götze – so haben Sie sinngemäß formuliert. Ausgehend von der ‚Identität von Identität und Nichtidentität’ frage ich dagegen, ob auch ein Nichtvorhandensein die Qualität eines Vorhandenseins besitzt, nur eben in seiner Negierung? Somit wäre dann fatalerweise aber auch wieder ein Götze außerhalb des Menschen plausibel.”

Sie müßten mir schon verraten, wie Sie zu einem „außerhalb des Menschen” kommen.

Diese Gegenfrage muß erlaubt sein, nachdem im 17. Jahrhundert schon René Descartes das „Außen” im methodischen Zweifel endgültig bezwungen hat. Als einzige Gewißheit befand der den Satz „cogito ergo sum”. Damit hat er die „Innenansicht” auf das ICH eröffnet und es stellte sich die Frage: „Kommt der Geist – das ICH – jemals wieder zu einem „Außen”?

Wenn ja: Wie?

Keiner konnte sie zufriedenstellend beantworten. Kant resignierte, indem er behauptete, daß die „Vernunft” – so nannte er noch den Verstand – „das Ding an sich”, die Wahrheit (Gott), nicht erkennen könne.

Erst Hegel konnte die Philosophie aus diesem Dilemma befreien, indem er ihr aristotelisches Fundament – den Satz vom ausgeschlossenen Dritten – zerschlug und das Gegenteil an dessen Stelle setzte:

Der Widerspruch regiert die Wahrheit; Widerspruchsfreiheit die Unwahrheit”
(contradictio est regula veri; non contradictio falsi)

Das Geheimnis der Einheit von Vorhandenheit und Nichtvorhandenheit hatte vor den beiden Genannten der Jude Baruch Espinoza (Benedict Spinoza) mit der wahrhaften Erkenntnis

omnis determinatio est negatio”

gelüftet; den endgültigen „Beweis“, daß er wahr ist, hat erst Hegel mit dem Aufzeigen des Satzes erbracht:

Das reine Sein und das reine Nichts ist dasselbe”

Nach Spinoza ist jegliche Bestimmtheit – „Vorhandenheit” ist eine solche – Verneinung – hier: „Nichtvorhandenheit”.

Aber der von Ihnen an die Wand gemalte Teufel (Götze) „außerhalb des Menschen” läßt sich nicht blicken; denn das Äußere ist Erscheinung des Inneren, keine Konkurrenz für den EINEN GOTT.

Das Gleichnis für die Einsheit des Geistes ist die kosmische Schwerkraft. Deren sinnliches Dasein ist das erst im 20. Jahrhundert entdeckte „Schwarze Loch” – eine Komplexion unendlich vieler „Schwarzer Löcher”. Ihnen entkommt nichts Sinnliches, auch das Licht nicht. Das Gegenprinzip ist die als Ausdehnung daseiende Abstoßung.

Das „Schwarze Loch” „verdampft”, d.h. es ist an sich selbst das Gegenteil seiner selbst. Oppenheimer, der Konstrukteur der Atombomben, ist darauf aufmerksam geworden. Er formulierte seine Entdeckung mit dem Satz „Das Schwarze Loch hat Haare” – und wurde dafür von den US-Amerikanischen Frauenvereinen geächtet.

Ich komme auf Ihre Frage zurück:

Die Frage lebt von der Voraussetzung, daß GOTT „in Dingen” seiend gedacht werden kann.

DING” ist eine logische Bestimmung. Logische Bestimmungen sind in sich bewegte und bewegende G e d a n k e n .

Das GANZE (System) der logischen Gedanken ist der BEGRIFF = WAHRHEIT = DAS ABSOLUTE = GOTT

Die WAHRHEIT kommt zu sich im WISSEN (ICH als d e n k e n d e s Bewußtsein). Dieses WISSEN ist GOTT als IDEE, d.h. als WIRKLICHKEIT, die dem Begriff gemäß ist.

Die Vollkommenheit Gottes ist sein Wissen von sich, das er durch sein Tun erlangt. Dieses ist Denken. Denken ist Bewegung in sich selbst, d.h. unmittelbare Einsheit von Sein und Nichts (Werden). Es ist nichts denkbar, das nicht Gedanke ist.

Sie unterstellen mir den Satz:

Ein ‚Gott’, der am Menschen endet, ist ein Götze”;

–  nun, ganz so arg habe ich es nicht getrieben. Ich habe lediglich gezeigt, daß Jahwe sich nicht als unendlich weiß, indem er sich als erhaben, d.h. vom Menschen und aller Sinnlichkeit
g e t r e n n t   w ä h n t .

Die Unschaubarkeit („Du sollst dir kein Bild machen!” (2.Mose 20) ist ein einseitiges Wissen Gottes von sich, über das er hinausgetrieben wird mit der Erkenntnis, daß die sinnliche Welt ihm nicht vorgesetzt ist, sondern von ihm erzeugt ist als sein Sohn, den er liebt.

Diese Gestalt des Selbstbewußtseins Gottes – das Christliche – erträgt den Widerspruch von Geist und Sinnlichkeit, „weil dieser keine Bestimmung in sich hat, die er nicht als eine von ihm gesetzte und folglich als eine solche wüßte, die er auch wieder aufheben kann (Hegel, W 10,27).

Die Dinge sind in Gott als Momente seines Erscheinens geborgen. Ihre Frage suggeriert das umgekehrte Verhältnis; daß Gott sich „in den Dingen” verbirgt.

Es wird sich in unserem Gespräch entscheiden, ob Sie Lutheraner dem Begriffe nach sind oder – mit Verlaub – ein „Spinner”. Martin Luther befreite die Menschheit, indem er die Gotteserkenntnis dem Denken als solchem anvertraute. Als Sohn seiner Zeit war es ihm aber nicht gegeben, sich dem Denken gegenüber kritisch zu verhalten. René Descartes war ihm noch nicht erschienen.

Wer – wie Luther – dem Denken vertraut, dem kann ich, wenn er das will, im Denken Gott zeigen. Da braucht mir niemand zu glauben, nur hassen sollte er mich nicht – Hass blockiert das Denken.

Am Anfang ist das Denken – nicht das Gehirn – durch sich selbst zu „waschen”, um es zur Reinheit zu bringen, in der GOTT – wie sonst nirgends – vollkommen zu sich kommt. René Descartes hat herausgefunden, daß Denken „das Außen” bezweifeln kann. Das war der erste Schritt hin zur „Kritischen Philosophie”, die mit dem Deutschen Idealismus erblühte.

Mit dem ungereinigten Denken, dem „Alltagsverstand”, ist das christliche Abendland in die vom Judentum aufgestellten Fallen getappt, in denen der Christengott verendet ist.

Sie scheinen mir andeuten zu wollen, daß Sie sich gern auf den Deckel seines Sarges setzen würden, damit dieser geschlossen bleibt? Jedenfalls empfinden Sie das Dogma als skandalös, daß Jesus mit dem Tod am Kreuz die Welt erlöst habe. Doch ist diese Symbolik der Schlüssel, der uns das Tor in die Freiheit öffnen wird. Mit dem Kreuz ist der mosaische Trennungsstrich zwischen Gott und Mensch weggenommen. Wie das geht, habe ich in einem „Offenen Brief“ an den RABBINER N u s s b a u m gezeigt.

Das durch Hegel zur Vernunftlogik gereinigte Denken wird die Fangeisen lösen, die die Menschheit in die Gegengeschichte bannen, die gerade in diesen Tagen eine kritische Wende nimmt.

Ihre Frage:

Was aber ist von einem ‚Christus’ zu halten, der in dem Selbsterkenntnisprozess des Götzen Jahwe dieselbe Rolle spielt, die einst Isaak als Blutopfer zugedacht war?”

habe ich nicht verstanden. Können Sie mir da aufhelfen?

Mit allerlei Fragen führen Sie einen Rundumschlag gegen die abrahamitischen Religionen und kommen schließlich bei der Frage an

Brauchen wir diese drei wirklich – oder auch nur eine davon – um der Göttlichkeit des Seins auf die Spur zu kommen?”

Ich finde, wir brauchen keine einzige Religion, denn wir  h a b e n  schon
e i n e , ob uns das gefällt oder nicht.

Was ist „Religion”? Religion ist das Wissen der Völker von ihrem Verhältnis zu ihrem „Höheren Wesen”, das sie selbst s i n d . Dieses Wissen spiegelt sich wider in der Antwort auf Nietzsches Frage „Wozu Mensch überhaupt?”

Zwar kann sich jeder einbilden, daß er „seine eigene Religion” habe; aber er irrt sich über sich selbst.

Vom Einzelwesen unbeeinflussbar wird jedem Menschen, wenn er von „menschlichem Wesen” ist, seine sittliche Substanz aufgeprägt von seiner Familie, in die er hineingeboren ist sowie von dem Gemeinwesen, in dem diese Familie ihre Existenz führt.

Der Prägevorgang ist wesentlich das, was „Bildung” genannt wird. Hegel faßt diesen wie folgt:

Was in Beziehung auf das einzelne Individuum als seine Bildung erscheint, ist das wesentliche Moment der Substanz selbst, nämlich das unmittelbare Übergehen ihrer gedachten Allgemeinheit in die Wirklichkeit, oder die einfache Seele derselben, wodurch das Ansich Anerkanntes und Dasein ist. Die Bewegung der sich bildenden Individualität ist daher unmittelbar das Werden derselben als des allgemeinen gegenständlichen Wesens, d.h. das Werden der wirklichen Welt. Diese, obwohl geworden durch die Individualität, ist für das Selbstbewußtsein ein unmittelbar Entfremdetes und hat für es die Form unverrückter Wirklichkeit. Aber gewiß zugleich, daß sie seine Substanz ist, geht es, sich derselben zu bemächtigen; es erlangt diese Macht über sie durch die Bildung, welche von dieser Seite so erscheint, daß es sich der Wirklichkeit gemäß macht und so viel, als die Energie des ursprünglichen Charakters und Talents ihm zuläßt. Was hier als die Gewalt des Individuums erscheint, unter welche die Substanz komme und hiermit aufgehoben werde, ist dasselbe, was die Verwirklichung der letzteren ist. Denn die Macht des Individuums besteht darin, daß es sich ihr gemäß macht, d.h. daß es sich seines Selbsts entäußert, also sich als die gegenständliche seiende Substanz setzt. Seine Bildung und seine eigene Wirklichkeit ist daher die Verwirklichung der Substanz selbst” (Hegel, „Phänomenologie des Geistes” W3, 365).

Wir  b r a u c h e n  keine Religion; wir brauchen keinen GOTT – Gott braucht
u n s . Uns hat er deshalb in seiner Gewalt und  f r e i  sind wir nur insoweit, wie wir Gott zur Freiheit verhelfen durch Erkenntnis seiner Person.

 

Fortsetzung folgt

Autor: endederluege

Hier stehe ich, Henry Hafenmayer, ehemaliger deutscher Lokführer. Ich kann dem Völkermord an meinem Volk nicht mehr tatenlos zusehen. Ich tue meine Pflicht. Ich tue was ich kann.

2 Kommentare zu „Fortsetzung der Antwort an einen Theologen“

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