Brief an B 4 – 21.Jan 2018

Horst Mahler, Anton-Saefkow-Allee 22, 14772 Brandenburg a.d.Havel

21. Januar 2018

Lieber Herr B.,

Ihr Widerspruch greift nicht, weil in Ihm eine Voraussetzung wirkt, die ich dementiere.

Sie argumentieren mit einem „subjektiv Gedachtem“.

Davon rede ich nicht. Mein Gegenstand ist ein „Gedachtes“, das o b j e k t i v in dem Sinne ist, dass es identisch jedem Denkenden (ICH) angehört, so dass der Gedanke kommunizierbar (gemeinschaftsbildend) ist. Der Sender spricht es aus und es entsteht „1 zu 1“ im Empfänger.

Das „nur subjektiv Gedachte“ ist das Unverständliche.

Die hier ausgesprochene Objektivität „existiert“ objektiv für jeden Einzelnen, was sich daran zu erkennen gibt, dass sie unsere Gedanken „richtet“, das heißt der Einzelne verfügt nicht über die Wertigkeit eines Gedankens als „richtig“ oder „falsch“, „wahr“ oder „unwahr“.

Das, worüber wir reden, ist „Gott vor Entstehung der Welt“. Diese Vorexistenz ist der Geist als System der Denkbestimmungen (Logik). Alles Vergängliche, das heißt das Erscheinende „ist nur ein Gleichnis“ (Goethe) jener reinen Gedanken.

Das Analogon der Logik, das heißt deren abstrakte Erscheinung als Materie, ist das Licht. „Alle Dinge sind (aus) dem selben gemacht. Und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ (frei nach Johannes 1, 3)

Bei Einstein sieht das so aus:

E=m*c²

Der Schwan als Vogel Schönheit existiert nur in einem „Inertialsystem“ (Einstein), in dessen Wahrnehmungsvermögen die Wahrnehmung als „Schwan“ latent angelegt ist.

Sie kennen in der Photographie „Zeitlupe“ und „Zeitraffer“. Stellen Sie sich eine geostationäre Raumsonde mit einer Zeitrafferkamera vor, die so eingestellt ist, dass sie in einem einstündigen Film wiedergibt, was auf der Erdoberfläche in einer Millionen Jahren geschieht. Was würden Sie sehen?

Gräuliches Chaos – sonst „nichts“.

Eine Analogbetrachtung lässt sich bezüglich eines leistungsstarken Elektronenmikroskops anstellen, was dieses „sichtbar“ macht, wird mit nichts an die uns vertraute Lebenswelt erinnern.

Weder bei dem einen, noch bei dem anderen Gedankenexperiment, werden Sie „etwas“ erkennen.

Was also „ist“ – unabhängig von unserer Wahrnehmung?

In der „Wahr“nehmung „nehmen“ Sie sich die Wahrheit. Was geschieht?

In der Wahrnehmung kommt „etwas“ an das Bewusstsein, dass das „Etwas“ als einen Gedanken in sich hat und darin behält.

Erst dadurch „ist“ etwas.

Von „Etwas“ können wir unendlich viel aussagen: Dass es Sein „ist“; bestimmtes Sein (also Einzheit von Sein und Nichts); dass es „Werden“ (Entstehen und Vergehen); Dass es als Vergehen auch Vergehen des Werdens ist, also in ruhiges Sein (Dasein) übergeht, dieses aber in sich bewegtes Dasein (daseiend) ist, das Für – sich – Sein und Sein – für – Anderes ist und so weiter und sofort.

Aber Sie können von „etwas“ nicht sagen, was nicht jeder Ich auch sagen kann. Das „Sagen“ löst sich von Ihrer Subjektivität, das heißt es ist objektiv.

Gleichwohl bleibt es „subjektiv“ im Sinne der Bewegung (Tätigkeit) des Geistes als solchen. Als diese Tätigkeit existiert Geist in jedem Ich-Bewusstsein. Dieses – und nur dieses – ist die Stätte der Entstehung einer je einzigartigen „Welt“.

Die Welt eines Australnegers ist eine andere als die eines Mitteleuropäers usw. Das Bewirken der unterschiedlichen Welten aber ist der EINE Geist. Der Wohnstadt in den unendlich vielen Geistern hat, die wir „Menschen“ nennen.

Für einen Australneger ist der rote Felsen „ULURU“ – ein Lebewesen; Für den Europäer ist er „EYERSROCK“, lebloser Stein.

In dem Maße, in dem die Australneger durch europäische Einflüsse ihre eigentümliche Weltanschauung „verlieren“ und die europäische „Sicht“ gewinnen, in dem Maße wird auch der ULURU zu EYERSROCK.

Wer hat nun Recht – die Australneger mit ihrem Animismus oder die Europäer mit ihrem „Materialismus“?

Ich weiß nicht wie Sie „rot“ sehen – und werde es nie erfahren. Sie behaupten, es sei „jederzeit wiederholbare Erfahrung“, dass Ihr „jeweiliges menschliches Gegenüber“ unter bestimmten Bedingungen „gemeinsam erlebte sinnliche Eindrücke von außen, als gleichartig / identisch wahrgenommen“ werden.

Die Erfahrung, von der Sie sprechen, ist nicht kommunizierbar. Wir „machen uns gemein“ mit Worten. Der sinnliche Eindruck bleibt auf ewig eingeschlossen in dem Bewusstsein, das ihn „hat“. Das Wort „rot“ ist nicht sinnlich, sondern Gedanke.

Erst der Formwandel von Eindruck zu Gedanke ermöglicht den Austausch über das Empfundene. Dieser Formwandel versetzt uns mit dem Wort „rot“ in das Reich der Logik in dem der Geist bei sich ist, das heißt in dem die Dieselbigkeit die er „Be“ der Bedeutung des Lautes „rot“ für den Sender und den Empfänger unter gewissen Bedingungen (u.a. Sprachverständnis, Erfahrung mit Erinnerungswert) zur Gewissheit wird. Ihr „intersubjektiver“ Mond existiert nur als „logisierter“ Sinneseindruck und verschwindet in der Lebendigkeit der Logik, die Sie nur im denkenden Bewusstsein (Mensch) hat.

Sie schreiben: „Diffuses strebt zur Klarheit.“ „Diffuses“ ist in diesem Sinne Gott als Trieb zu Wissen was er ist.

Das „Wozu“ der Erscheinungen ist der Dienst zur Vollbringung des absoluten Wissens. Wird Gott je sagen: „Es ist vollbracht!“ ? Ich weiß es nicht. Ich diene.

Nähern wir uns?

Der Fortschritt der Bewusstheit der Freiheit ist die Rückkehr in den Grund.

Können Sie denken, dass Gott sich je beendet, also nicht mehr ist? Würde er je etwas anderes sein als Geist, das heißt Betrachter seiner selbst? Wer hätte die Macht ihm das Leben zu nehmen?

Von welchem „Gesetz“ reden Sie? Wer hat es gegeben? Und wäre der Gesetzgeber durch sein Gesetz gebunden oder bleibt er frei „über dem Gesetz“?

Darüber könnten Sie sich wohl nur „authentisch“ äußern, wenn Sie zum Wissen der Wahrheit gelangt wären. Wie aber könnten Sie schon begreifen, das heißt vor dem Begreifen zum Wissen gelangen? Ihre „Bockigkeit“ ist kennzeichnen von Nicht-Wissen.

Kann Kant wissen, ob der Mensch überhaupt die „Wahrheit“ erkennen kann? Hegel rügte ihn, weil er vor dem Erkennen erkennen wollte, was nicht gedacht werden kann.

Sie verkünden, dass Sie Hegels Phänomenologie nicht begreifen w o l l e n , also werden Sie diese auch nie begreifen. Was können Sie beibringen, um mir Ihre Haltung einsichtig zu machen. Behauptungen reichen nicht aus.

Die Angst vor der Wahrheit ist immer der erste Schritt in die Sklaverei, indem das Bewusstsein in dem Gegensatz zu seinem Gegenstand gefangen bleibt. Das ist der „(noch) unfreie Gott“ (JAWEH), der den Gegenstand als Gegensatz (Feind) verkennt und also vernichtet sehen will. Das ist a n s i c h Atheismus, der in der Aufklärung f ü r sich ist (Gottes Tod/Nietzsche). Im Vernunftdenken (der Aufhebung, der Trennung von Gott und Mensch) aufersteht Gott – jetzt als Geist.

Sie schreiben mit Fettdruck: „Bewegung = Leben“. „Bewegung“ ist so ein leeres Wort (Name). Kann Achill den Wettlauf mit der Schildkröte, die am Start einen kleinen Vorsprung hat, gewinnen (im Denken)? Denken Sie an die Episode von Diogenes und der Ohrfeige für seinen Schüler! Fühlen Sie sich „geohrfeigt“!

Bewegung“ ist der über sich hinausgehende Gedanke, der gerade im Hinausgehen bei sich bleibt. Das Prinzip der Entwicklung.

Der einfachste Gedanke (Sein), leuchtet seine Bedeutung aus und erfährt, dass er „Nichts“, dasselbe wie „Nichts“ ist und umgekehrt. Er hat also im Denken einen „Weg von A nach B“ „zurück“gelegt und ist nicht wieder in sein Überhaupt bzw. in Nichts-Überhaupt angelangt, sondern im „Werden“. Dieses geht auseinander in den Unterschied von „Entstehen“ und „Vergehen“ und nimmt sich wieder zusammen in „bestimmtes Sein“ (Dasein). – Das ist Bewegung in der Formbestimmtheit des Denkens. Jegliche Bewegung im Sinnlichen ist nur „ein Gleichnis“ für logische Bewegung.

Ich warte darauf, dass sie mir z e i g e n , dass ich mich irre. Ihr „Protest“ beeindruckt mich nicht.

Hegel hat g e z e i g t , dass jeder reine, das heißt logische, Gedanke in sich über sich hinaustreibt (Widerspruch ist), sich selbst „konkretisiert“ und gerade dadurch identisch mit sich b l e i b t . Das ist der Begriff „Leben“.

Oder können Sie als „Erwachsener“ Ihre „Jugend“ totschlagen ohne selbst zu sterben? Vormachen!

Herzliche Grüße.

Horst Mahler