Brief an B 2 – 11.12.2017

Horst Mahler

JVA Brandenburg/Havel

11. Dezember 2017

Lieber Herr B.,

danke für Ihren Brief vom 27.11. des Jahres. Es macht Spaß und ich bin gespannt auf die Resultate.

Sie schreiben:

Vielmehr sehe auch ich, wie Sie selbst (so habe ich Sie jedenfalls verstanden), den “absoluten” Geist als den Schöpfer

a l l e n  Lebens und somit des Daseins an sich in transzendenter d.h. für den begrenzten menschlichen Geist weder erfaß- noch vorstellbar”

Und dem folgt ein Glaubensbekenntnis.

Ihre Rede vom „begrenzten menschlichen Geist“ gibt Rätsel auf.

Ist das Wissen, oder Phantasie?

Im Zentrum der deutschen idealistischen Philosophie steht die Frage: “Was kann ich wissen?” (Kant). Hegel beschäftigte die Frage: “Was ist Wissen?”

Glaubensfragen reizen mich nicht. Mir geht es um wissenbasiertes Handeln und Tun.

Zu Ihrem Standpunkt: Wer begrenzt den “menschlichen Geist”?

W i s s e n  Sie noch von einem anderen Geist?

Decart fragte: “Was wissen wir zweifelsfrei?” und fand die Antwort: “Cogito ergo sum” – “Ich denke, also bin ich”.

Im Anfang kann ich  a l l e s  bezweifeln, nur nicht den Satz: “Ich denke, ich bin.” DENKEN = Sein.

Der Mensch i s t Denken. Er denkt und ist darin Sein. Wo wäre die Macht, die ihm Grenzen setzt?

Die Zeichenkette G#O#T#T ist noch kein Wort, da sie keine im Denken gerechtfertigte Bedeutung trägt.

Von Diogenes ist überliefert daß er einmal seine Schüler aufgefordert haben soll, zu beweisen, daß Bewegung möglich sei.

Einer stand auf, malte auf den Boden zwei voneinander getrennte Kreise A und B. Er stellte sich auf A und machte einen Schritt nach B in der Meinung, damit die gestellte Aufgabe gelöst zu haben. Doch statt eines Lobes erhielt er vom Meister einen Backenstreich.

Diogenes wollte  w i s s e n , ob man Bewegung  d e n k e n  kann. Die alten Griechen haben die Antwort auf diese Frage nicht gefunden. Sie sind über das Paradox von Achilles, der eine Schnecke nicht überholen kann, nicht hinausgekommen.

Bewegung ist der Widerspruch, daß ein Dasein an einem bestimmten Ort sich befindet und zugleich nicht an diesem Ort ist, das heißt denknotwendig immer schon über den bestimmten Ort hinaus ist.

Was war der Grund für dieses Unvermögen?

Die griechischen Philosophen machten eine Voraussetzung, die sie im Denken nicht rechtfertigen konnten, das heißt, ihnen war der Weg zur Erkenntnis der Wahrheit versperrt durch den Aristotelischen Satz, daß nicht wahr sein könne, was sich widerspricht. Dieser Satz ist  u n w a h r.

Kant hat im Denken gezeigt, daß  j e d e r  logische Satz auf einen Widerspruch führt. Als Aristoteliker wurde Kant dadurch zum Stammvater des logischen Agnostizismus, was ihn in der Judenheit so beliebt gemacht hat, die die Wahrheit zu einer unerlaubten (!) Fiktion gestempelt hat (Martin Buber).

Hegel hat den Aristotelischen Satz vom ausgeschlossenen Dritten als unwahr aus dem Denken gestrichen, indem er erkannt und im Denken  g e z e i g t  hat, daß die Wahrheit selbst widersprechend ist. Der Widerspruch ist ein Moment der Wahrheit, das nicht hinweggedacht werden kann.

Erst aufgrund dieser kopernikanischen Wende der Philosophie ist “Wissen”, ein philosophischer Begriff: Wissen ist die Reflektion der Wahrheit, im Selbstbewußtsein des Geistes. Die Reflektion ist vermittelt durch die Erscheinung des Geistes für sich. Diese ist Bewegung als Entwicklung des Selbstbewußtseins im Sinne des Fortschritts des Geistes im Bewußtsein der Freiheit. Dieses sich entwickelnde Selbstbewußtsein ist die ganze Weltgeschichte.

In diese Betrachtung mischt sich die  V o r s t e l l u n g  von Raum und Zeit ein. Vorgestellt ist, daß sich die hier bestimmte Selbstentwicklung Gottes in Raum und Zeit vor sich geht. In dieser Vorstellung sind Raum und Zeit Sein im Sinne einer unmittelbaren Vorhandenheit. Gott würde sie vorfinden. Dieses Verhältnis ist undenkbar. Raum ist logisches Nebeneinander (Gleichzeitigkeit), Zeit logisches Nacheinander (absolutes Verschwinden).

Hier bietet die Urknalltheorie Anschaulichkeit. Raum und Zeit waren nicht schon “vor dem Knall” vorhanden. Sie entstehen “mit dem Knall” und sind Nichtigkeiten, das heißt nur als Verschwindende, Endlichkeiten im Unendlichen des Begriffes.

Die Wahrheit (Gott, der Begriff, das Absolute) ist ewig und vollkommen. Das Wissen der Wahrheit ist “historisch”; am Anfang (besser im Ursprung = Urknall) erst nur an sich, unvollkommen und “flüchtig”. Die Flucht ist aber nicht Rückkehr in abstraktes Nichts, sondern ein Aufheben des vorhandenen Wissens in eine höhere Gestalt, in der das gewordene und jetzt vergangene Selbstbewußtsein des Geistes als dessen Momente (Bestimmungsmächte) wirklich sind.

Weltgeschichte als Selbstbestimmungsprozeß des Geistes ist einheitliches Geschehen, Notwendigkeit, die sich der Zufälligkeit für ihre Zwecke bedient.

Diese Erkenntnislage erweist Ausdrücke wie „die vom Schöpfer der Welten seit Anbeginn der Zeiten festgelegte Bestimmung der Menschheit … , zusammen zuwachsen und ihr Handeln – mit zunehmender (!) Erkenntnis über das Sein an sich – am Ende kollektiv und verantwortungsvoll zum Wohle  a l l e n  sie umgebenden Lebens auszurichten und damit die Überwindung der Dualität (…) – sowie eben dadurch die „geistige Rückkehr ins Vaterhaus“ – aktiv, das heißt bewußt zu befördern als „schwarze Magie“. Weltall, Erde, Mensch wären überflüssig wie ein Kropf, Gott ein böser Geist der quält um des Quälens willen.

Nitzsche: „wozu Mensch überhaupt?“

Und dieses Paket sollte man „dem lieben Gott“ zurückschicken mit dem Vermerk „Annahme verweigert“.

Sie trennen Gott und Mensch – wie die Judenheit und Feuerbach.

Die Wahrheit ist daß Gott (der absolute Geist, der Begriff) als Menschheit selbst für sich selbst erscheint um an seiner Erscheinung im Selbstbewußtsein zu erfahren was er ist.

Was heißt „Überwindung der Dualität“, wie kann das gehen? Wie, wodurch unterscheidet sich die von Ihnen ausgemachte Zielbestimmung im Erfolgsfalle von dem, was die Physik als Wärmetod des Universums prognostiziert?

Was ist „archaische Triebstruktur“ des Menschen? Siegmund Freud und C.G. Jung lassen grüßen. Deuten Sie den Menschen etwa nicht aus dem animalischen Prinzip, d.h. aus der bewusstlosen (nicht wissenden) Geistigkeit, statt aus dem Geist in der Gestalt des Selbstbewusstseins?

Gehen Sie hier nicht den Weg der „Psychologisierung“ des Weltgeistes – mithin in die von der Frankfurter Schule aufgestellten Denkfallen?

Um sich aus dem Sumpf von willkürlichen Einfällen und Meinungen zu ziehen, schiene es mir wünschenswert, im Ausgangspunkt unserer Gedankenarbeit restlose Klarheit über den Hegelschen Entwicklungsgedanken herzustellen. Erst wenn das geschafft sein wird kann die Frage sinnvoll gestellt werden ob er bezweifelt werden kann oder nicht.

Also womit ist anzufangen? Doch wohl mit einem einfachen Unmittelbaren Vorhandenheit, denn wir wissen noch nicht von einem anderen das vermitteln könnte.

Der denkbar einfachste Gedanke ist “sein”. Damit er nicht nur ein leeres Wort bleibt, sind die Momente anzugeben, die die Bedeutung dieses Lauts als untrennbare Einheit bilden. Diese sind: einfach (nicht zusammengesetzt), rein (ohne alle weitere Bestimmung); nur sich selbst gleich (nicht ungleich gegen anderes); hat keine Verschiedenheit innerhalb seiner noch nach außen; reine Unbestimmtheit und Leere. Es ist  n i c h t s  in ihm anzuschauen; es ist reines, leeres Anschauen. Es ist ebenso wenig etwas in ihm zu denken oder es ist nur dieses leere Denken.

Hegel: „Das Sein, das unbestimmte unmittelbare ist in der Tat nichts und nicht mehr noch weniger als nichts.“

Nichts“ – auch nur ein sinnloser Laut wenn nicht die Momente angegeben werden, die den Laut zum Wort, einen bedeutungsvollen Laut machen.

Es zeigt sich, daß die Bedeutungsmomente die gleichen sind wie beim Sein.

Hegel: „Das reine Sein und das reine Nichts ist  a l s o  d a s s e l b e.“ (W5,83)

Wohlgemerkt: es handelt sich dabei nicht um einen sophistischen Trick.

Hegel: „Was die Wahrheit ist, ist weder das Sein noch das Nichts, sondern daß das Sein in Nichts und das Nichts in Sein – nicht übergeht, sondern übergegangen ist. Aber ebenso wenig ist die Wahrheit nicht ihre Ununterschiedenheit sondern daß s i e  n i c h t  d a s s e l b e, d a ß  s i e  a b s o l u t  u n t e r s c h i e d e n, aber ebenso ungetrennt und untrennbar sind, und unmittelbar  j e d e s  i n  s e i n e m  G e g e n t e i l  verschwindet. In Wahrheit ist also diese  B e w e g u n g  des Unmittelbaren Verschwindens des einen in dem anderen: D a s  W e r d e n; eine Bewegung worin beide unterschieden sind aber durch einen Unterschied der sich ebenso unmittelbar aufgelöst hat.“ (a.a.O.)

Aber nicht in Leeres (abstraktes Nichts) aufgelöst hat, sondern Resultat – und als Solches Gedanke eines reichhaltigeren Inhalts ist, indem seine Momente (Sein und Nichts) wirklich (wirkend) und eins sind.

Diese Einsheit ist der Begriff „Werden“, der erste wahrhafte Gedanke. Dieser ist untrennbar Einsheit der Gegensätze: Entstehen und Vergehen. Dabei ist jedes Moment an sich selbst das Gegenteil seiner selbst. Entstehen ist untrennbar auch Vergehen, wie Vergehen notwendig Entstehen ist. Das Sich – Bewegende ist unendlich sich selbst gleich, Wahrheit.

So sehr das Resultat die widersprüchlichen Momente miteinander in der die Selbigkeit versöhnt, ist es in sich Widerspruch der nicht zur Ruhe kommt, sondern sich Ur – teilt, in die reale Unterschiedenheit des Widerspruchs, feindlich auseinander geht im Kampf um Anerkennung, durch den die miteinander kämpfenden Daseinsgestalten ihre Dieselbigkeit (Identität) erkennen (erfahren) und in dieser Erkenntnis miteinander versöhnt sind.

Jegliches Resultat dieser Kämpfe ist ein aus dem Kampf hervorgegangenes komplexeres Dasein das an sich selbst wiederum in den Kampf übergeht und so weiter und so fort.

Als  e r k a n n t e  Dieselbigkeit (Identität) sind die resultierenden Gestalten des Selbstbewusstseins höhere Formen (seiner) der Freiheit. Damit ist die Frage beantwortet ob die Weltgeschichte je ein Ende hat. Sie ist als Erscheinung des Geistes wie dieser unendlich. Vielleicht ist das schon hinreichend um das Prinzip der  W i s s e n sgenerierung durch und im reinen Denken (Logik) plausibel zu machen.

Was Sie mir darbieten erscheint mir als ein Sammelsurium von zufälligen Vorstellungen („festgelegte Bestimmung der Menschheit“, „kollektiv und verantwortungsvoll zum Wohle a l l e n  sie umgebenden Lebens aus (zu) richten“, „Dualität“, „vom reinen, d.h. ursprünglichen Allgeistigen“, „Rückkehr ins Vaterhaus“, „auf dem natürlich – evolutionären Weg“, „Erreichung eben dieses Ziels“, „Sprengung der natürlich gesetzten Grenzen“, „karmabedingte Folge“, „archaische Triebstrukturen der menschlichen Natur“, „Alles und Nichts“, „unsere sehr beschränkte Begriffsfähigkeit“, „Fehler“, usw.). Dagegen ist zu erinnern was ich in meinem Brief vom 21. November 2017 auf Seite 3 mit einem Hegelzitat (W3,35) zur Bedeutung des Unterschieds von „kennen“ und „erkennen“ angeführt habe.

Zweifellos verfügen Sie über einen reichhaltigen Schatz an Kenntnissen; sind es aber auch Erkenntnisse?

Ich vermute, daß ich Sie verletze wenn ich hier schreibe daß Kenntnisse allzu häufig den Weg in die „Arroganz der Ignoranz“ sowie die Eitelkeiten pflastern. Aber wenn wir uns im Geiste begegnen wollen muß die Begegnungsstätte von dem Giftgas der Höflichkeit und dem Fäulnisgestank der Beliebigkeit entlüftet sein, sonst hat alles keinen Zweck.

Mir meine Irrtümer aufzuzeigen ist allemal besser als das Wedeln mit der „salvatorischen Klausel“ das Sie möglicherweise nicht mit allen meinen politischen Schlußfolgerungen übereinstimmen. Mir läge viel daran zu erfahren, auf welche meiner Standpunkte Sie sich damit beziehen.

Soviel für heute.

Horst Mahler