Brief an Frau XX – 25.07.2017

Horst Mahler
z. Zt. JVA Brandenburg

am 25. Juli 2017

Liebe Frau XX,

es war ja wohl ein Abenteuer, die Grundlage für ein Gespräch mit der überfallartigen Konfrontation mit dem Ensslin-Brief schaffen zu wollen. Aber Sie werden sich schon was dabei gedacht und damit bezweckt haben. Allerdings habe ich keine Vorstellung von dem Resultat, das sich für Sie daraus ergeben haben mag. Für mich ist der Brief heute ein interessantes Zeugnis dafür, daß die Aufwallung der westlichen Jugend (dazu zähle ich Japans Nachkriegsaufwuchs) seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts vollständig in den zeitgeistlichen Sog der Dekomposition des Denkens geraten ist. Man fragt sich nicht mehr, was man sagt, wenn man etwas sagt. Das ist fatal. Es genügt, wenn etwas schön klingt in den Ohren des hedonistisch versauten Unmenschen.

So stellt sich die notwendige Gegengeschichte dar im Kontext des Begriffs der Geschichte als Fortschritt des Geistes im Bewußtsein der Freiheit. Freiheit verstanden als Bewegung, die durch nichts bestimmt ist, das nicht sie selbst ist. Karl Marx und Heinrich Heine -beides Juden- waren die Weichsteller für die notwendige Schubumkehr der Selbstentwicklung Gottes. Das Zusammen- fließen von Mosaismus und Epikurismus im Geist von Karl Marx ist kein Zufall.

Moses, hier gedeutet als der Geist der Abstraktion vom Leben Gottes, das Bewegung und als solches Entwicklung ist, ist das Prinzip des Verstandes, der unterscheidet und an der Unterschiedenheit der Momente festhält, diese damit hemmt und den Geist tötet. Jesaja spricht das JAHWE-Wesen aus: „Der Herr ist erzürnt über alle Heiden und ihre Scharen und er wird sie zur Schlachtung dahingeben, daß der Gestank ihrer Leichname aufsteigen wird und die Berge vom Blute fließen.“ (Jesaja 34) Bezeichnet ist dieses Kapitel als „Die Ankündigung des Gerichts über Edom“.

Der Talmud (Megillah 6b) deutet das „edomistische Germanien“ als den absoluten Feind der Judenheit. Das ist die Wahrheit. Der Abmarsch in den Hedonismus war der Ausbruch aus dem Entwicklungs-, d.h. Freiheitsgedankens des Deutschen Idealismus, der unerkannte Versuch der Verewigung JAHWES.

Mit Nietzsches Frage „Wozu Mensch überhaupt?“ (die in Wahrheit keine Frage ist) ist der Hedonismus entzaubert. Das Nachdenken über diese „Frage“ bewirkt die Negation der Gegengeschichte, die als „Moderne“ in unseren Köpfen nistet und dort positiv konnotiert ist.

Heute ist mir klar, daß der von Gudrun Ensslin im Brief ausgesprochene Dissens den Widerspruch von abstrakter Lust und abstrakter Pflicht, der erst im begriffenen Tun des Einzelnen ausgeglichen ist. Die „Blumenkinder“ haben sich der Anstrengung des Begriffs entzogen und sind dadurch zu Protagonisten des Weltuntergangs mutiert, der eine Auferstehung ist.

In unserem Gespräch machte ich in Bezug auf die Geschichte im Allgemeinen und die RAF im Besonderen die Bemerkung, daß wir nicht wissen, was wir tun, gleichwohl dieses Tun ein notwendiges Moment der Geschichte sei. Das ist der Grund, warum mir in dem Brief der dort wiedergegebene Satz von Klaus Dörner „Verstehen vermittelt sich am Unverständlichen“ so sehr gefiel, daß ich ihn unterstrichen habe.

Er hat mit diesem Satz den Anschluß an die von Jakob Böhme gesetzte Wurzel des Deutschen Idealismus gefunden. Was er daraus gemacht hat, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Gudrun hat diesen Satz aber nicht so verstanden, wie ich ihn deute. Andernfalls hätte sie diesen Brief nicht schreiben können. Jakob Böhme war wohl der erste Denker, der den Teufel, das Widerwärtige, in die Wirklichkeit Gottes -nicht in seinen Begriff- einbezogen hat und dadurch Gott erst denkbar gemacht hat. Hegel hat dann gezeigt, daß wir Gott überhaupt nicht als nichtexistent denken können. Atheismus ist nur ein Glaube, der Irrglaube schlechthin.

In den hier ausgesprochenen Zusammenhang gehört auch der Umstand, daß Gudrun dem Gründungskern der nachmaligen RAF die Filme „Bonnie und Clyde“ und „Viva Maria“ als Pflichtprogramm auferlegt hat. Beide Filme werten die Gewalt zum Zweck auf, der den Weltverbesserungsanspruch der Rebellen Lügen straft.

Diese Entleerung des Politischen bringt Gudrun auf den Punkt mit dem Satz „Wer Hasch kennt, macht, wenn er was macht, keine Scheiße.“ Das „ungeheure Vakuum“, von dem sie in diesem Zusammenhang schreibt, ist allein ihr Vakuum im Denken. Es ist die reine Trauer über den Verlust des Paradieses, in dem der Mensch nicht denkt, weil er schon alles hat, was er sich wünschen könnte. Der Wunschtraum aller Rausch- Ideologen ist ein Erkennen außerhalb des Denkens, was sich widerspricht, indem Erkennen Denken ist. Ihr Prinzip ist ein Erkennen außerhalb (jenseits) des Erkennens. Wie soll das gehen? Die wirklichen Rauschgift-toten sind nur die Spitze des Eisberges der virtuell abgestorbenen Jugend der Völker.

Wollte man heute ein Bild der westlichen Menschheit auf die Leinwand bannen, so wäre jener Labor-Affe mit der Glückseligkeits-Elektrode im Gehirn das Vorbild.

Unsere ganze Zivilisation ist auf jenen Kurzschluss hin ausgerichtet -und genau das ist es, was den Motor des Geistes wieder anwerfen wird, denn der Geist ist unsterblich.

Ich danke Ihnen für die mannigfaltigen Anregungen, die mir Ihr Besuch beschert hat.

Mit freundlichen Grüßen
Horst Mahler