Neu Beginnen

Dieser Text wurde auf Einladung von Günther Nenning geschrieben und als „Brief aus dem Kerker“ in drei Folgen in der in Wien erscheinenden Zeitschrift „NEUES FORUM“ veröffentlicht.

Im Jahr 1980 brachte der der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) nahestehende Verlag DE DONATO den Essai unter dem Titel „PER LA CRITICA DEL TERRORISMO“ als Band 103 der Reihe DISSENSI heraus.

In der Bundesrepublik Deutschland fand sich bisher kein Verleger.

 

Tegel, Im Jänner/Februar 1978

Die Gralshüter des Goldenen Kalbes sind auf der Suche nach den Ursachen und Gründen des Terrorismus. Doch für die Reaktion ist nichts gefährlicher, für unser Überleben nichts wichtiger als die wahre Antwort auf diese Fragen. Die Linke versäumt ihre Zukunft, wenn sie nicht am kräftigsten und tiefsten bohrt, um sie zu finden.

Jene, die heute mit den Leichen, die ihnen die Terroristen liefern, die Verfassung zudecken und die bürgerliche Freiheit ersticken wollen, wecken doch auch – ganz gegen ihre Absicht – die Entschlossenheit zur Verteidigung dieser Verfassung und der bürgerlichen Freiheit. Die uns von den Nutznießern des Terrors aufgezwungene offensive Ursachenforschung vertieft, schärft und verallgemeinert die Einsicht in die Lebensfeindlichkeit des Kapitalismus. Immer mehr wollen ihn begraben – und damit die Welt von einer schlimmen Plage befreien.

Wo Dregger recht hat

Sosehr sich die Terroristen der „dritten Generation“ auch von den Gründern der RAF unterscheiden mögen, so wirkt in ihnen allen doch das gleiche Grundmotiv: Ihre Handlungen sind nur der fehlgehende praktische Ausdruck ihres vernichtenden Urteils über einen gesellschaftlichen Zustand, der die schöpferischen Kräfte der Menschen profitiert und gegen das Leben kehrt, die Herzen versteinert und die Atemluft in Giftgase verwandelt.

Die Heimatlosigkeit des Menschen in der kapitalistischen Welt ist der Nährboden des Terrorismus.

Alfred Dregger hat das fast so in d er Terrorismusdebatte des Bundestages am 28. Oktober 1977 ausgesprochen. In den zerstörerischen Kräften der Verzweifelten erkennt er sogar ,,die fehlgeleiteten idealistischen Energien eines Teils der deutschen Jugend“. Wer hat ihr die Hoffnung gestohlen?

Wahr ist auch, daß- wie Dregger sagt „der Mißbrauch der Grundwerte und des Geschichtsbewußtseins der ‚Deutschen durch Hitler“ der Anfang dieser Entwicklung war. Er hätte diesen Gedanken ausführen sollen.

Man begreift nicht die Zerstörungen, die die Nazibarbarei in uns angerichtet hat, wenn man den Staat nur äußerlich als ,,Unterdrückungsmaschine“ faßt und nicht auch als reale Existenz des allgemeinen Willens.

Der Faschismus war die Vernichtung der letzten Reste von Sittlichkeit im öffentlichen Leben. Er hat eine eiternde Wunde in unserem Bewußtsein zurückgelassen. […]

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